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kurier 18.10.2006 


Auf den Spuren von Franz Liszt
Walter Reicher, Intendant des neuen Liszt Festivals in Raiding, spricht im Kurier über die Aura des Ortes und verrät, warum er Liszt nicht endlos hören kann.
Interview: Heike Kroemer, Kurier 18.10.2006

KURIER: Herr Intendant, was war die größte Herausforderung rund um dieses Festival?
Walter Reicher: Das Haus zu bauen, das war die größte Herausforderung. Allen Beteiligten klarzumachen, dass hier etwas gebaut wird, das eine ganz spezielle Funktion erfüllen soll. Wir wollten ja keinen Turnsaal bauen, sondern ein Konzerthaus von internationalem Niveau.

Wie sah es mit den finanziellen Möglichkeiten aus?
Rund 6,8 Millionen Euro * die bei der Endabrechnung herauskommen werden * sind für so etwas eine untere Grenze. Man kann ja auch nicht sagen, kauf uns einen neuen Porsche und wir geben dir dafür 30.000 Euro. Und dann schafft man es, einen neuen Porsche um 60.000 Euro zu bekommen, was ein Spottpreis ist, und dennoch maulen die Leute, weil es ihnen zu teuer ist.

Das Konzerthaus wurde am Sonntag eröffnet. Ist es so geworden, wie Sie es sich gewünscht haben?
Es ist sehr schön geworden. Es war eine ganz tollte Veranstaltung. Alles hat funktioniert. Und als dann noch Pianist Leslie Howard Liszt pur zum Besten gab, ich glaub, spätestens da haben alle gewusst, warum wir das alles machen.

Das Konzerthaus steht in unmittelbarer Nähe von Liszts Geburtshaus. Was ist das Besondere daran?
Es geht hier um Originalschauplätze. Bei Haydn etwa habe ich den Aspekt, dass er in Eisenstadt gelebt und gewirkt hat. Der Aufführungsort * der Haydnsaal * ist der Originalschauplatz. In Raiding ist es ähnlich. Hier habe ich zwar nicht den original Aufführungsort, aber ich habe die Aura des Geburtshauses. Wenn man wiederum die Schubertiade in Vorarlberg hernimmt, wo Schubert wahrscheinlich nie gewesen ist, da kann ich anders arbeiten. In Raiding muss ich behutsam mit der Substanz, die noch da ist, umgehen. Es ist toll, dass hier das Geburtshaus daneben steht. Das hat schon was, man sieht beim großen Foyerfenster des Konzerthauses hinaus und weiß, hier hat Liszt elf Jahre gelebt. Hier hat er als kleiner Bub in der Wiese gespielt.

Wie kam das Programm zustande, was ist der rote Faden?
Die Grundidee war, bereits in dieser einen Woche anzudeuten, was in diesem Haus in Hinkunft passieren soll und kann. Der rote Faden ist virtuose Kammermusik um Franz Liszt. Mit Schwerpunkt Romantik, 19. Jahrhundert bis herauf. Liszt war immer einer, der in die Zukunft geschaut hat. Das virtuose Element, das er verkörpert hat, soll vorkommen. Als erstes habe ich daher den Maisenberg engagiert, der das Geburtstagskonzert spielen wird. Die Kutrowatz waren früh dabei.

Gibt es einen Programmpunkt, auf den Sie sich ganz besonders freuen?
Mir gefällt alles. Vielleicht die Liszt-Lieder von Angelika Kirchschlager. Leider wurde sie krank und singt jetzt erst am 4. November.

Was fasziniert Sie an Liszt als Person?
Es ist der Mensch selbst, der mich sehr fasziniert. Er war ein Superstar. Er war aber immer einer, der sehr großzügig war. Der jedem geholfen hat. Unglaublich, wie vielen Künstlern er den Weg geebnet hat. Heutzutage geht es bei vielen Künstlern nur noch um die *Ich-AG".

Und musikalisch?
Ich höre ihn schon sehr gerne. Über Liszt bin ich jetzt mehr ins 19. Jahrhundert, in die Romantik gekommen. Ich habe eine Liebe zur Klaviermusik entdeckt.

Sie sind auch schon seit Jahren erfolgreicher Intendant der Haydn Festspiele. Was ist für Sie persönlich der Unterschied?
Die Musik von Haydn kann ich endlos hören. Das schaff ich bei Liszt nicht. Der geht nur portionsweise. Haydns Musik ist weiter, ist wie eine sanfte Hügellandschaft. Liszts ist viel dramatischer, eher wie schroffe Felsen.

Abseits von Zahlen und Geld. Wann ist das Festival ein Erfolg?
Es ist schon ein Erfolg, dass wir das Haus eröffnet haben und wir so gut wie ausverkauft sind. Ich hoffe auch, dass alles gut läuft. Und schließlich ist es ein Erfolg, wenn das Publikum sagt, es war toll, da komme ich nächstes Jahr wieder her.