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die presse 17.10.2006 


Astlöcher, Notenköpfe: Liszt rocks!
Walter Weidringer, Die Presse 17.10.2006

Neubau. Im burgenländischen Raiding wurde das Franz-Liszt-Konzerthaus eröffnet.

"Liszt rocks": In großen Lettern hat ein jugendlicher Besucher seine Aner kennung im Gästebuch der "Franz Liszt Gedenkstätte" im burgenländischen Marktflecken Raiding (836 Einwohner) kundgetan. "In diesem Hause wurde Franz Liszt geboren. Diese Gedenktafel weiht dem deutschen Meister das deutsche Volk", steht in reichlich indezenter Vereinnahmung über dem Eingang. Der ungarische Schriftzug gibt sich da bedeutend nüchterner ("Itt született Liszt Ferenc 1811"). Doborján heißt Raiding auf Ungarisch - eine Sprache, von der Liszt nur ein paar Brocken beherrschte. Er wurde auf Deutsch erzogen, bevorzugte später freilich das internationale Französisch. Seine Familie gehörte zur slowakischen Minderheit in Ungarn: Ein Thema, das bei der geplanten Neugestaltung der Gedenkstätte hoffentlich ausreichend Beachtung finden wird.

Nebenan, am selben Grundstück, hat die Zukunft schon begonnen: Da eröffnete am Sonntag Bundespräsident Fischer das Franz-Liszt-Konzerthaus. So gut wie möglich fügt sich der schlichte weiße Bau ins dörfliche Ambiente von Wohnhäusern, Stadeln und Lagerhaus. Einen Gimmick gibt's trotzdem: In einer fugenlosen, 18 mal 4 Meter großen Fensterfläche öffnet sich das Foyer Richtung Garten und holt Liszts Geburtshaus optisch herein – fünf Zentimeter dickes, nicht spiegelndes Acryl, sonst in der Aquariumstechnik verwendet, macht's möglich. 

Der Saal mit knapp 600 Plätzen wirkt weit weniger spektakulär, verbreitet mit schlichter Fichte eher Ikea-Flair: Eine streng rechtwinkelige Balkenkonstruktion bildet das Gerippe, das von massiven Holzplatten aufgefüllt wird, deren Oberfläche aus akustischen Gründen gewölbt ist. Tausende Astlöcher übersäen Decke, Wände und Balkon, als wären es Notenköpfe.

Ganz neue solche hat Komponist Gerhard Krammer für sein Stück "LISZ[:T:]RAUM", aber auch einige von Liszt selbst eingearbeitet – und mehr. An historischen Liszt-Klavieren wirkten über Video- und Ton-Zuspielung drei Pianisten mit: Harald Kosik am Erard-Flügel im Geburtshaus, Maxim Ladid am Steinway im Casino Luxemburg (dem letzten Auftrittsort) und Benjamin Kobler am Ibach im Sterbezimmer in Bayreuth. Live gemischt, trafen die Tonspuren im Saal auf drei an Vibrafon und Marimba. Liszts Urururenkel Antoine Wagner-Pasquier steuerte das Video bei - verwackelte Autofahrten, Bayreuth, Klavierinnereien: auf Reisen, oder doch getrieben? Insgesamt beeindruckend, bügelte der nötige technische Aufwand das fraglos Auratische der Konzeption doch recht rücksichtslos nieder. Schließlich ließ der australische Liszt-Fachmann Leslie Howard (etwas indifferent) nach der 13. Ungarischen Rhapsodie und "Un sospiro" als Zugabe noch den heiligen Franziskus von Paula über die Wogen schreiten ...

Keine Misstöne also in Raiding? Nicht ganz. Der seit langem aktive örtliche Lisztverein fühlt sich von der erst 2003 gegründeten landesweiten Liszt-Gesellschaft ein bisserl überfahren. Und im nahen Sopron möchte man mit Liszt angeblich gar zum "Salzburg Ungarns" werden. Wird man da mithalten können? "Wie der Seemann seine Fregatte, wie der Araber sein Pferd", so notwendig brauche der Virtuose sein Klavier, las Peter Simonischek aus einem Liszt-Brief. Und genau so braucht ein Festival sein Haus. Heute, Dienstag, geht's los, bis zum kommenden Sonntag stehen Stars mit Klavier- und Kammermusik im Zentrum. 

Liszt rocks. Warum nicht auch in Raiding?