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Franz Liszt: Erfinder des Benefiz-Konzerts (20.10.2011)

Die österreichischen Pianisten und Intendanten Eduard und Johannes Kutrowatz haben am Geburtsort des Komponisten Franz Liszt im Burgenland ein Festival begründet. Für sie ist das Jubiläums-Jahr zum 200. Geburtstag Liszts der mögliche Ausgangspunkt, um ein neues Bild des Musikers und Komponisten zu entwickeln. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa beschreiben sie wenig bekannte Seiten des gefeierten Genies. Für sie ist er zum Beispiel der Erfinder des Benefiz-Konzerts.

Liszt gilt vielen Musikfreunden als schwer zugänglich, spröde oder rein virtuos. Kann ein Jubeljahr solche Sichtweisen verändern?

Eduard Kutrowatz: „Gegen dieses Vorurteil kann man nur mit den besten Interpretationen und den besten Künstlern angehen. Dann wird er auch verstanden, und so können wir Liszt allmählich den Platz einräumen, der ihm gebührt. Das ist für uns der Startschuss für ein neues Liszt-Bild. 200 Jahre nach seiner Geburt ist die Zeit reif, um ihn auch als den modernen Komponisten wahrzunehmen, der er ist. Der Missbrauch des Werkes durch die Nationalsozialisten hat auch dazu beigetragen, dass der Stellenwert Liszts im Konzertgeschehen so ist, wie er heute nun mal ist. Und es ist auch eine der Aufgaben im Jubiläumsjahr, solche Dinge zurecht zu rücken.“

Welche Aspekte jenseits des Musikalischen gibt es zu entdecken?

Johannes Kutrowatz: „Es gibt viele Dinge, die Liszt zu einer Größe in der Musikgeschichte machen – nicht nur als Pianist und Komponist, sondern er war eine der wichtigsten Persönlichkeiten überhaupt. Er hat viel für die Verbreitung von Musik insgesamt getan. Ich nenne ihn den „Fahrenden CD-Player seiner Zeit“. Seine Bearbeitungen werden oft schräg angeschaut. Aber er hat Werke etwa Beethovens oder Schuberts tausendfach gespielt, und nicht nur vor 30 Leuten.“

Kann man Liszt, der in so vielen Städten gewirkt hat, überhaupt regional zuordnen?

Eduard Kutrowatz: „Man muss sich vor Augen halten, dass das damalige Raiding nicht an einer Grenze lag, die schon gar nicht Europa geteilt hat. Das war ein ungarisches Dorf in einem großen Europa. Eine Anekdote spricht Bände: In Franz Liszts Reisepass stand keine Nationalität, sondern die Bemerkung „bekannt aufgrund seines Namens“. Er ist von Gibraltar bis Glasgow und Kiew gereist, hat ein immenses Reisepensum hingelegt. Sein Leben war eine Reise, die ihn zu einem großen Europäer gemacht hat.“

Er war Frauenheld und Alkoholiker, aber auch Wohltäter. Wie geht das alles zusammen?

Johannes Kutrowatz: „Er war eine sehr zerrissene Persönlichkeit. So hat er etwa, als er erfuhr, dass sein geliebtes Ungarn von einer Hochwasserkatastrophe heimgesucht wurde, ein Konzert gegeben und den Erlös weitergegeben. Da war er ein uneigennütziger, großzügiger Mensch. Er konnte es sich aber auch leisten, weil er problemlos einen Konzertsaal dreimal füllen konnte. Man kann ihn als Erfinder des Benefizkonzertes bezeichnen.

Was löste schon zu seinen Lebzeiten die vielzitierte „Lisztomanie“ aus?

Johannes Kutrowatz: „Der Gigant Liszt war auch Verwandlungskünstler und hat sich selbst gern inszeniert, ob das in der Soutane war oder im Kosaken-Kostüm, halb Zigeuner, halb Franziskaner: Da hat die gleiche Person hinter verschiedenen Masken agiert. Das hat er ganz bewusst auch als Stilmittel eingesetzt und hat es wohl ganz wenigen Menschen gestattet, hinter diese Masken zu blicken. Ein linearer Zugang zum Phänomen Liszt ist nicht möglich. Die Vielschichtigkeit ist Motivation und Ansporn für die Nachhaltigkeit.“