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architekturmagazin mapolis


Kalkulierter Maßstabssprung (Robert Uhde, 01.09.2011)

Wäre nicht Franz Liszt im Oktober 1811 hier geboren, dann wäre Raiding ein österreichisches Dorf wie jedes andere auch. So aber pilgern regelmäßig größere Gruppen von Touristen und Musikliebhabern durch den 800 Einwohner zählenden Ort nahe der ungarischen Grenze, um das als Museum geöffnete Geburtshaus des Komponisten zu besichtigen. Und seit ein paar Jahren ist Raiding oftmals auch am Abend noch belebt. Denn direkt neben dem aus dem 16. Jahrhundert stammenden Altbau wurde 2006 ein großes Konzerthaus als EU-geförderter Impuls für die strukturschwache Region eröffnet. Der klar formulierte zweigeschossige Bau des Rotterdamer Ateliers Kempe Thill bietet einen holzverkleideten Konzertsaal mit hervorragender Akustik und rund 600 Plätzen.

Deutlicher Maßstabssprung. Auf den ersten Blick verwirrt zunächst der gewaltige Maßstabsunterschied des Neubaus zur bestehenden, zumeist eingeschossigen Bebauung des beschaulichen Dorfes. Doch was zunächst als gewaltiger Bruch erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen als klug kalkulierter Maßstabssprung. Denn abgesehen von der respektablen Dimension haben André Kempe und Oliver Thill mit ihrem Entwurf durchaus den Anschluss an die Umgebung gesucht: So wurde der Neubau lediglich im Erdgeschoss geöffnet und außerdem wie sonst vor Ort üblich durch eine weiße Außenhaut umschlossen. Abweichend von den sonst in der Region gängigen Putzfassaden wählten die Architekten allerdings eine gespritzte Polyurethan-Haut als witterungsfestes Finish für die großen Betonflächen, um so den Eindruck eines durchgehenden monolithischen Baukörpers ohne Dachverblechungen zu erhalten.

Ein weiteres ungewöhnliches Detail sind die beiden großflächigen Panoramafenster, die einen freien Blick vom öffentlichen Foyer des Hauses auf einen angrenzenden kleinen Park ermöglichen. Um Kosten zu sparen und störende Profile zu vermeiden, verwendeten Kempe Thill dabei durchgehende Acrylglasscheiben im Format von 18 bzw. 13 Metern mal vier Metern (!) und mit einer Dicke von fünf Zentimetern. Die bis zu 14 t schweren Scheiben wurden aus einem Stück in der Fabrik gefertigt und vor Ort mit einem Kran montiert. Zusätzlich bieten große scheunentorartige Holztüren einen fließenden Übergang von Innen nach Außen während der Konzertpausen.

Hochwertige Akustik. Eine ähnlich ungewöhnliche Lösung zeigt auch die Ausstattung des Konzertsaals. Um eine hochwertige Akustik ohne aufwendige Technik zu erzielen, entschieden sich Kempe Thill in Anlehnung an die Konstruktion alter barocker Säle dazu, die Decke und die Wände des Raumes mit leicht gekrümmten Fichtenholzkassetten zu verkleiden. Entstanden ist ein akustisch optimierter – und auch optisch sehenswerter –, Resonanzkörper für die virtuose Klangwelt von Franz Liszt!