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„Liszten in Raiding“: Im Burgenland den Weltbürger finden (Wilhelm Sinkovicz, 27.06.2011)

 

Das von den Brüdern Kutrowatz ausgerichtete Festival im Geburtsort des Komponisten beschert dem Publikum zum 200. Geburstags-Jubiläum Horizonterweiterungen – und Begegnungen mit Virtuosen wie Kirill Gerstein.

 

Lisztomania? Ob sie wirklich ausbricht, die wahre Liszt-Manie, weil man sich 2011 des 200. Geburtstages des Komponisten erinnert, bleibt abzuwarten. Jedenfalls versucht man im Geburtsort des Komponisten der leidigen Repertoiremalaise entgegenzusteuern, die unser Wissen über das Schaffen des Komponisten auf einige, wenige Werke beschränkt.

Das von den Brüdern Kutrowatz ausgerichtete Festival in Raiding erfreut sich jedenfalls regen Zuspruchs. Dass gleich neben Liszts Geburtshaus ein exzellenter, hölzerner Konzertsaal zur Verfügung steht, hat sich schon herumgesprochen. Auch unter den Interpreten.

Es war kein Problem, für die erkrankte Mihaela Ursuleasa erstklassigen Ersatz zu finden: Kirill Gerstein musizierte sogar ein höchst anspruchsvolles Programm mit drei Höhepunkten der Klavierliteratur – Beethovens letzte Klaviersonate, die Paganini-Variationen von Brahms und Liszts h-Moll-Sonate, drei kräfteraubende Kompositionen an einem Abend.

Schon bei den einleitenden Takten der Brahms-Variationen ließ Gerstein keinen Zweifel daran, dass er nicht daran denke, zur Sicherheit zunächst den Schongang einzulegen. Er donnert auch nicht drauflos – was immerhin möglich wäre und Effekt machen würde – sondern mobilisiert sämtliche Gestaltungskräfte gleichzeitig.

 

Paganinis Capricen-Thema spielt er schlank, geradezu duftig, und bleibt auch in den folgenden Variationen konzentriert dabei, nicht nur die Haupt-, sondern auch sämtliche Nebenstimmen hörbar werden zu lassen. Selbst im Furor der fingerverstrickendsten Klangverwicklungen bleibt Gersteins Spiel durchwegs locker. Und dort, wo Brahms kokett-walzernd agiert – die Variationen sind sein erstes großes Wiener Werk –, klingt die Musik sogar wirklich charmant.

Beethovens op. 111 findet bei einem solchen Pianisten dann einen klug-differenzierenden Exegeten. Nichts von Kraftmeierei auch hier – alles fein differenziert und dramaturgisch klar auf den ätherisch entschwebenden Schluss hin konzipiert. Meisterlich.

„Liszten in Raiding 2011“ geht im Oktober mit Gastspielen von Boris Bloch, Adrian Eröd (mit Eduard Kutrowatz am Flügel) und der Wiener Akademie weiter, die unter Martin Haselböck sämtliche Tondichtungen des Komponisten präsentiert. Die Brüder Kutrowatz konzertieren am 21. Oktober. Und an Liszts Geburtstag bittet Arcadi Volodos zum (virtuosen) Ständchen. Das Programm für 2012 liegt ebenfalls bereits vor. Lisztomanen dürfen sich auf Lilya Zilberstein, Andrei Gawrilow und wiederum Boris Bloch freuen. Eduard Kutrowatz setzt seinen Zyklus mit Liszt-Liedern fort – diesmal mit Angelika Kirchschlager (22. Oktober 2012).