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drehpunktkultur


Abbé und pianistischer Popstar (Wolfgang Stern, 04.02.2011)

 

Als Genius „zwischen Klostermauern und Komtessen“ beschreibt die Diözese Eisenstadt den vor 200 Jahren in Raiding im heutigen Burgenland geborenen musikalischen Jahresregenten Franz Liszt (1811-1886).

Auf der diözesanen Homepage www.martinus.at wird ein differenziertes Bild des – wie es heißt – „Popstars“ unter den Komponisten des 19. Jahrhunderts gezeichnet. Der „französische Deutsch-Österreicher aus Ungarn“ habe ein schillerndes Leben geführt; ungeachtet seiner zahlreichen „Frauengeschichten“ sei Liszt auch ein tief religiöser Mensch gewesen, der 1865 von Papst Pius IX. persönlich die sogenannten niederen Weihen erhielt. Dem „Abbe Liszt“, als Musiker und Geistlicher im Spannungsfeld des Glaubens, ist ab 17. März auch eine eigene Ausstellung im Eisenstädter Diözesanmuseum gewidmet.

 

In der Pfarrkirche Unterfrauenhaid, in der Nachbargemeinde Raidings, geht es um die Taufe Liszts, aber auch um die Prophezeiung einer „Zigeunerin“ und die dadurch initiierte frühe Legendenbildung. Das MUBA – Museum für Baukultur Neutal wird sich dem Thema „Liszt als Freimaurer“ annehmen.

 

Ausstellungen über Liszt gibt es an acht verschiedenen Orten des Burgenlandes. Dass die Ausstellungen an Originalschauplätzen aus Liszts Leben ihren Ausgang nehmen, machen sie authentisch und einzigartig. Im Liszt-Haus Raiding, seinem Geburtshaus, werden seine Herkunft und frühen Jahre als Wunderkind thematisiert. Das Landesmuseum Burgenland in Eisenstadt greift das Thema „Lisztomanie“ auf, die Jahre der mitreißenden Bühnenauftritte und großen europaweiten Konzertreisen, die Franz Liszt zum Superstar und den Begriff „Lisztomanie“ zum geflügelten Wort machen. Im Haydn-Haus Eisenstadt wird eine Parallele zwischen Franz Liszt als Hofkapellmeister in Weimar und Joseph Haydn als Hofkapellmeister am Hofe Esterházy, aber auch als musikalische Erneuerer gezogen.

 

In der Burgenländischen Landesgalerie schließlich geht es um zeitgenössische Kunst, um Werke die beim eu-art-network Symposion 2010 in der Cselley-Mühle Oslip zum Thema Liszt entstehen, werden zu Jahresbeginn ausgestellt. Und im Franz Liszt-Konzerthaus Raiding wird eine Instrumentenausstellung das Thema ergänzen.

 

Übrigens ist nicht nur Liszt, sondern auch der Eisenstädter Altbischof Paul Iby in der Gemeinde Raiding geboren worden. Sein Elternhaus stand – wie Iby im Gespräch mit „Kathpress" erzählte – gegenüber dem Geburtshaus Liszts. Beide wurden in der Pfarrkirche Unterfrauenhaid getauft (Raiding war als kleines Dorf nur Filialkirche), wo heute zwei Gedenktafeln an Liszt und Iby erinnern.

 

Die Kirche habe sich früh um das Andenken an den Komponisten verdient gemacht, berichtete Iby: Der damalige Pfarrer von Unterfrauenhaid begann das Liszt-Haus in Raiding zur Gedenkstätte umzufunktionieren und legte so den Grundstein für das heute dort angesiedelte Museum. Der erste Pfarrer von Raiding, Emmerich Karl Horvath, sei ein ambitionierter Liszt-Forscher gewesen, die 1924 errichtete neue Dorfkirche wurde als Franz-Liszt-Gedächtniskirche geplant.

 

Als Mensch sieht Iby seinen berühmten Landsmann differenziert: In moralischer Hinsicht würde Liszt wegen seiner zahlreichen Liebschaften und der drei unehelichen Kinder wohl „eher schlecht abschneiden“. Doch Künstler, gesteht der Bischof großmütig zu, seien oft „nicht nach normalen Kriterien zu messen“. (Kathpress)