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wiener zeitung


Ein wenig skeptisch vernahm man vor zwei Jahren die Kunde, das Land Burgenland habe in Raiding, dem Geburtsort von Franz Liszt, ein neues Festival förmlich aus dem Boden gestampft. Doch siehe da: Schon im dritten Jahr konnte Intendant Walter Reicher jetzt dem Herbsttermin des Franz-Liszt-Festivals eine Serie von Frühlingskonzerten an die Seite stellen. Auf dem Parkplatz zeigten sich die ersten internationalen Autokennzeichen, das Schlusskonzert war restlos ausverkauft – ein Festival scheint Tritt zu fassen.

Vielleicht die größte Attraktion ist dabei das neu errichtete Konzerthaus: Das Siegerprojekt des niederländischen Ateliers Kempe Till, ausgewählt unter 150 (!) Bewerbern aus elf Ländern, besticht durch die ruhige, klare Eleganz seiner Erscheinung: Ein weißer, schlichter Kubus, der mit seinen großen Glasflächen im Erdgeschoss das benachbarte, bescheidene Geburtshaus des Meisters gleichsam in sich aufnimmt. Schlicht ist auch der rund 600 Hörer fassende, mit Fichtenholz verkleidete Innenraum, dem der Münchner Akustiker Karlheinz Müller eine hervorragende, wenngleich ein wenig üppig wirkende Klangaura verliehen hat. Hier musizierten seit vergangenen Mittwoch Rudolf Buchbinder, das Klavierduo Berezovsky-Engerer, die Wiener Akademie unter Martin Haselböck mit Gottlieb Wallisch am Klavier; weiteres der exilrussische Pianist Konstantin Scherbakow und zuletzt die Geigerin Patricia Kopatchinskaja mit Ensemble; stets – wenngleich nicht ausschließlich – unter Einbeziehung von Werken des Genius loci.

Mount Everest der Klavierliteratur
So wagte sich Konstantin Scherbakow an Franz Liszt’ Bearbeitung von Beethovens 9. Symphonie: Ein Mount Everest der Klavierliteratur, kräfteraubend alleine schon wegen seiner Spieldauer, durch die Umsetzung orchestraler Spielfiguren ins Pianistische voll von kniffligen technischen Problemen. Perfektion der Wiedergabe grenzt da wohl an Utopie; doch den himmelstürmenden Geist des Werkes vermochte Scherbakow gut zu vermitteln, auch wenn man da und dort die Herausarbeitung struktureller Hauptstimmen vermisste. Seine ganze Kunst – kantabler, farbiger Anschlag, plastisch ausgeformte Gegenstimmen – hatte Scherbakow zuvor bei den 12 Charakterstücken von Tschaikowskis "Jahreszeiten" offen gelegt.

Ein besonders spannendes Programm unter dem Motto "Franz Liszt und die Folklore" präsentierten dann am Sonntag Vormittag Patricia Kopatchinskaja "and friends" mit Werken von Manuel de Falla, Isaac Albéniz, Pablo Sarasate, Maurice Ravel, Béla Bartók und selbstverständlich Franz Liszt. Hier konnte sie neben ihrer fulminanten Technik auch ihrem Hang zu folkloristisch angehauchter Spielweise freien Lauf lassen; so klangen etwa Bartóks Rumänische Volkstänze geradezu archaisch und keineswegs zahm-domestiziert wie gewohnt. Klar und prägnant assistierte Iwan Sokolow am Klavier, während Väterchen Wiktor Kopatschinski sein Cymbal zwar rasant, doch etwas großzügig traktierte und die Intonation des Kontrabassisten aus Bratislava recht leger wirkte. Jubel!

Gerhard Kramer, Wiener Zeitung 23.06.2008